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Montag, 4. Dezember 2017

Stäbe

Letzte Nacht habe ich wieder mit meiner uralten Handykamera gespielt. Und während ich da gemeinsam mit den Stäben der Fahrradspeichen so strahlend in Erscheinung trat, versuchte der Notdienst zu Hause vier mal vergeblich mich zu erreichen. Somit hatte meine Nichte eine schlaflose Nacht. Wie wird so etwas eigentlich in Pflegeheimen gehandhabt? Ich meine, bei dementen Leuten, dass sie nicht ständig aus dem Bett steigen und fallen. Gitter? Muss man sich mal vorstellen, dann hast du fast ein Jahrhundert lang redlich verbracht - nun gut, das "redlich" streichen wir besser gedanklich und fügen dafür "juristisch brav und unauffällig" ein - also immerhin, du warst durchweg ein gesetzestreuer Bürger und musst dennoch deinen letzten Lebensabschnitt zumindest nachts hinter Gitterstäben verbringen? Da kommt mir unwillkürlich Rilkes "Panther" in den Sinn.

Wie ist dem nur vorzubeugen? Du merkst ja nicht, wenn du dement wirst. Irgendwann bist du's einfach, und dann haste den Salat. Ich würde, wenn es mir so erginge wie Mutter und ich falle, lieber eine Nacht neben dem Bett liegen bleiben als von Gittern eingesperrt. Deswegen würde ich, und da bin ich absolut sicher, niemals einen Notruf betätigen - ja, klar, das sage ich im nicht-dementen Zustand. Kein Bett und die Matratze auf dem Boden statt in einem Gefängnis zu nächtigen. Aber ich bin erstens nicht meine Mutter und zweitens konnte ich mit der Kamera rumspielen in Freiheit hinter Stäben der Fortbewegung, während meine Nichte die schlaflose Nacht erlebte; will sagen, da ist natürlich leicht reden. Wenn das jetzt jede Nacht so weiter geht, und ich befürchte, das wird es, dann verschwindet bestimmt bei mir ganz schnell der Luxus meiner ethischen Vorstellungswelt und macht der praktischen Realität Platz.

Tja, was tun? Was ist richtig, was falsch? Und wie verhindere ich ein solches Dilemma bei mir selber? Gebrechlichkeit ist einfach nur großer Mist. Also genieße die Woche, so lange du noch kannst; jeder Tag könnte dein letzter sein. Es lohnt nicht, sich über irgendetwas im Lande oder in der Welt aufzuregen, das nähme nur die Freude am eigenen Dasein in Freiheit.

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