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Sonntag, 10. September 2017

"Carry Pilby" und "Room", zwei großartige Filme

Per Zufall am Wochenende entdeckt. Der Film "Carrie Pilby" ist eine sensible und humorvolle kleine Geschichte über das "Nomal-Werden" ("Comming Of Age") einer 19-jährigen hochbegabten jungen Frau in unserer doch eher am Durchschnitt orientierten Welt. Es handelt sich bei diesem Streifen zwar um keinen "reinen" Independent-Film, doch wurde er meines Wissens kaum in Kinos gezeigt, sondern im Internet veröffentlicht.

Ein wenig befremdlich finde ich die Umgebung, in der die Handlung stattfindet, die Upper-Class. Der seiner neuen Liebe wegen nach London gezogene Vater finanziert mal locker leicht seiner Tochter in New York ein Appartement, und der ganz normale Kampf bzw. das Bemühen, das tägliche Leben zu bestreiten, wird in der Geschichte völlig ausgeklammert; es herrschen keinerlei materielle Sorgen oder Nöte. Vielleicht ist mein gedankliches Stolpern darüber eine typisch deutsche Eingenschaft oder ich selber lebe schon zu viele Jahrzehnte mit ständig ebensolchen materiellen Unsicherheiten, so dass ich mir kaum ein anderes Leben mehr vorstellen kann, jedenfalls abseits dieser Thematik, die ja auch eigentlich gar nichts mit dem Film zu tun hat, konzentriert sich die Handlung in einer perfekten Mischung aus Intelligenz und Humor ausnahmslos auf das "emotionale Klarkommen" der Protagonistin mit sich und der Welt.

Der Film ist sicher nichts Großes aber er ist großartig. Im steten Mehr der vielen vom Massenpublikum unbeachteten Filme funkelt er wie ein kleines Licht auf dunkler See. Ähnlich wie "Frances Ha" oder "Tallulah". Und alle drei Filme erinnern mich trotz ihrer inhaltlichen und darstellerischen Unterschiede an das "Ur-Thema" dieses speziellen Genres, das ich gar nicht mit Worten definieren könnte, nämlich an die Filmszenen rund um "Moon River" aus "Frühstück bei Tiffany".

"Carrie Pilby" ist also hervorragend geeignet, um einen herbstlichen Regentag zu verschönen. Tasse Heißgetränk dazu, etwas zu Knabbern, die E-Dampfe und dann unter einer gemütlichen Decke auf dem Sofa oder im Fernsehsessel genießen. Prima.

Der zweite Film, den ich mir angesehen habe, ist das genaue Gegenteil: nichts zum Abspannen und Wohlfühlen. "Room" erzählt von einer kampuschartigen Gefangenschaft, in der überdies ein Kind gezeugt und gemeinsam mit der Mutter in einem Raum 5 Jahre aufwuchs. Eine Stunde des knapp zweistündigen Films spielt nur in diesem Raum. Danach kommt erst die Befreiung und es beginnen die Probleme. Allein die gedankliche Vorstellung ist bereits entsetzlich.

Achtung, ich spoilere jetzt: der Film geht, wenn man das unter diesen Umständen überhaupt sagen kann, gut aus. Dieses Spoilern finde ich wichtig, denn wenn man um das Filmende nicht weiß, sind die beiden Stunden nervlich kaum auszuhalten; es kommt einer seelischen Qual gleich. Dabei wird nichts sensationslüstern dargestellt, der Film lebt von Andeutungen, doch sein Sog reißt dich in diese Geschichte mit hinein.

Hier kann ich nur aus der ausgewählten Wiki-Kritik zitieren, denn sie trifft's meines Erachtens haargenau: "Kai Mihm von epd Film meint: 'Die Verfilmung des Bestsellers von Emma Donaghue erzählt von einer jungen Frau und ihrem kleinen Sohn, die seit Jahren gefangen gehalten werden […] Mit sparsamen, meisterhaft eingesetzten Stilmitteln macht 'Raum' diese alptraumhafte Situation in erschütternder Intensität nachfühlbar. […] Ganz ohne Pathos, ein großartiger Film.'"

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